Warum Rückenspannung nicht das ist, was viele denken!

Jeder, der beim Bogenschießen eine sauberere Schießtechnik und weniger Streuung im Ziel anstrebt, stolpert früher oder später über den Begriff „Rückenspannung“ oder englisch auch „Back Tension“ genannt.

Es klingt nach einem bewusst anzustrebenden aktiven Vorgang, regelrecht nach einer heroischen Kraftanstrengung im Rücken zwischen den Schulterblättern, die die Zughand nach dem Ablass nach hinten fliegen lässt und den Pfeil mit maximaler Energie in Richtung Ziel befördert.

Auch in vielen Trainingsstunden, bei unseren Gruppenkursen und auch bei Gesprächen auf dem Schießplatz begegnet mir immer wieder dasselbe Phänomen und Missverständnis:

Schützen versuchen verzweifelt im Vollauszug ihre Schulterblätter bewusst zusammenzupressen. Sie ziehen die Muskulatur aktiv nach innen zur Wirbelsäule, in der Hoffnung, dadurch die sagenumwobene Rückenspannung und damit mehr Stabilität im Schuss zu erreichen. Das Ergebnis ist jedoch meist das Gegenteil von Stabilität und Rückenspannung!

Der Körper beginnt zu zittern, der Schuss fühlt sich blockiert und mühselig an und die Auszugslänge scheint plötzlich mehrere Zentimeter einzubüßen. Die Schützen kämpfen eher gegen den eigenen Bogen an, statt eins mit ihm zu werden.

Die falsche Annahme – leider auch bei vielen Trainern

Der entscheidende Fehler liegt bereits in der falschen Annahme, dass Rückenspannung eine bestimmte Muskelanspannung nach Erreichen des Ankerpunkts, also in einer statischen Halteposition sei.

Wenn wir versuchen, einzelne Muskeln zwischen den Schulterblättern (die Rhomboiden oder den Trapezmuskel) gezielt anzuspannen, erzeugen wir eine krampfhafte Spannung, die wir an dieser Stelle und in dieser Form eigentlich nicht haben wollen. Einziges Ergebnis ist dann, dass der Schussablauf verkrampft und man bereits nach wenigen Pfeilen ermüdet und auch kein gutes Körpergefühl dabei hat.

Leider wird auch oft durch Trainer im Zusammenhang mit Rückenspannung erwähnt, dass diese nichts anderes als das Zusammenziehen der Schulterblätter sei. Doch solche oder so ähnliche lautende Aussagen sind aus mehreren Gründen falsch und tragen zur Verwirrung vieler Bogenschützen bei.

Zum einen sollte ja die Bogenarmseite nach vorne zur Scheibe bzw. Ziel gedrückt werden. Wie man gleichzeitig drücken und das Schulterblatt zur Wirbelsäule ziehen soll, das habe ich bis heute noch nicht verstanden. Es geht schlicht nicht! Und es wäre auch nicht richtig.

Auf der Zugarmseite könnte man zwar durchaus von einem Heranziehen des Schulterblatts zur Wirbelsäule sprechen, denn das ist es, was tatsächlich passiert. Allerdings sollte der Fokus nicht isoliert darauf, sondern auf der gesamten Zugarm-Bewegung liegen.

Die Magie der kreisförmigen Bewegung des Zugarmellenbogens

Anstatt sich auf das isolierte Anspannen dieser Muskeln zu konzentrieren, sollten wir den Fokus auf die gesamte Bewegung der Zugarm-Körperseite verlagern. Wenn du dich darauf konzentrierst, die richtige Bewegung beim Spannvorgang auszuführen, folgen die richtigen Muskeln ganz von allein – und zwar genau in dem Maße, wie es für einen stabilen Schuss nötig ist.

Der Schlüssel liegt in der Konzentration auf der Bewegung eines bestimmten Punktes auf der Rückseite des Oberarms, dort wo der hintere Deltamuskel und der Trizeps aufeinandertreffen. Anstatt daran zu denken, die Schulterblätter zusammenzuziehen, solltest du dir vorstellen, diesen imaginären Punkt oder auch deinen Ellbogen in einer fließenden, kreisförmigen Bewegung nach hinten und leicht um deinen Körper herumzuführen.

Ich habe diese Art den Bogen auszuziehen auch bereits in meinem Blogartikel „Der Auszug – Wie zieht man den Bogen idealerweise aus?“ beschrieben.

Diese kreisförmige Bewegung verändert alles! In dem Moment, in dem der Ellbogen und auch die Zughand nicht mehr nur starr nach hinten – also entgegen der Pfeilrichtung – gezogen, sondern „um den Körper herum“ geführt werden, öffnet sich der Brustkorb, die Linie Bogenhand-Bogenschulter-Zugschulter richtet sich fast wie von selbst perfekt auf das Ziel aus und das Schulterblatt der Zugarmseite rotiert an die Wirbelsäule heran.

Der Bogen lässt sich plötzlich leichter ausziehen, das Zuggewicht wirkt weniger stark und man gewinnt mehr Ruhe im Vollauszug und letztlich auch einen saubereren Schuss.

Und je mehr man sich darauf konzentriert den Punkt auf der Rückseite des Oberarms nach hinten um sich herum zu führen, desto „mehr“ Rückenspannung liegt an.

Fazit

Entgegen der landläufigen Meinung und der Erklärung vieler Trainer ist Rückenspannung kein aktiver „Kraftakt“, den man erzwingt, sondern einfach nur das natürliche Ergebnis einer korrekt ausgeführten Bewegung beim Spannen des Bogens.

Daniel Goll

Vor mittlerweile über 25 Jahren entdeckte er den Bogensport und insbesondere das Tradi­tionelle Bogen­schießen für sich und hat bei zahl­reichen Tur­nieren, Wettkämpfen und Meister­schaf­ten geschos­sen. Daniel ist zertifizierter Trainer im Instinktiven Bogenschießen der Instinktive Archery Academy (IAA) und hat über die Jahre hinweg viele Bogen­schütz­innen und Bogen­schützen bei ihrem Einstieg in das Bogen­schießen, dem Er­lernen des instinktiven Bogenschießens und im Einzeltraining zur Fehleranalyse und Fortentwicklung unterstützt.

Daniel Goll

Vor mittlerweile über 25 Jahren entdeckte er den Bogensport und insbesondere das Tradi­tionelle Bogen­schießen für sich und hat bei zahl­reichen Tur­nieren, Wettkämpfen und Meister­schaf­ten geschos­sen. Daniel ist zertifizierter Trainer im Instinktiven Bogenschießen der Instinktive Archery Academy (IAA) und hat über die Jahre hinweg viele Bogen­schütz­innen und Bogen­schützen bei ihrem Einstieg in das Bogen­schießen, dem Er­lernen des instinktiven Bogenschießens und im Einzeltraining zur Fehleranalyse und Fortentwicklung unterstützt.